Christopher Schwalenstoecker Examensarbeit zum Gestalter im Handwerk - Phänomen Spannung

Gedanken zum 25jährigen Bestehen der Werkakademie für Gestaltung Hessen - Kassel

Wir schreiben das Jahr 2015 und während die documenta als internationale Kunstausstellung in Kassel ihren 60. Geburtstag feiert, wird die Werkakademie 25 Jahre alt. Ein Viertel Jahrhundert – die Pilotphasen (1. Modellprojekt von 1983 bis 1985 und das 2. Modellprojekt von 1986 bis 1989) nicht eingeschlossen. In diesen Zeitraum (1990 – 2015) fällt ein Umzug … von dem Ufer der Losse in Bettenhausen in das Industriegebiet in Waldau und eine Namensänderung respektive eine überregionale Position, die sich in der Namensgebung dokumentiert: von der Kasseler Werkakademie zur Werkakademie für Gestaltung Hessen – Kassel. Die Trägerschaft hat sich erweitert um die Handwerkskammer Wiesbaden und die Handwerkskammer Frankfurt Rhein/Main. Damit bekennt sich das gesamte hessische Handwerk zu der Werkakademie und zu der Bedeutung der Gestaltung im Handwerk.

Kaum ein anderer Name verbindet sich mit den Phasen der Modellversuche und der Phase der Gründung der heutigen Werkakademie vor nunmehr 25 Jahren und in den vielen darauffolgenden Jahren so wie der von Manfred Lehmann-Most, gelernter Stuckateur und studierter Produktdesigner.

Mit großer Unterstützung für die Einrichtung hat sich Klaus Schuchhardt, ehemals Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Kassel, eingesetzt und ohne die tatkräftige Rückendeckung durch das Ehrenamt, stellvertretend möchte ich hier drei Präsidenten nennen: Karl Schölch, Gerhard Repp und Heinrich Gringel, gäbe es diese Institution sicherlich auch nicht.

Historische Hintergründe

An dieser Stelle sei ein kurzer Blick in die historische Entwicklung des Handwerks gestattet, in aller Kürze, aber unabdingbar. Blicken wir zurück in das Mittelalter, so wissen wir, dass das Wort Kunst noch keine Bedeutung hatte. Alle „künstlerischen“ Werke wurden von Handwerkern ausgeführt. Denken wir an den Bau einer Kathedrale, so waren alle beteiligten Gewerke in der Bauhütte organisiert. Daneben gab es Mönche und Nonnen, die in den Klöstern besonders an den Stundenbüchern und ihrer malerischen Ausgestaltung gearbeitet haben. Mit der Renaissance, der frühen Neuzeit, wandelt sich die Situation. Die bisherigen Handwerker entdecken sich und ihr Können und es manifestiert sich nicht zuletzt in der Tatsache, dass Werke nun eine Signatur tragen.

Das Individuum, die Bedeutung des einzelnen Menschen entsteht neben vielen anderen „Erfindungen“, die bereits in der Antike als selbstverständlich existierten. Mit dem Beginn der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wird das Handwerk wieder auf eine besondere Art bedeutsam. „Arts and Crafts“ – so die Benennung einer Gruppe von Künstlern in England, die sich gegen die industrielle und damit serielle Produktion aussprechen und dem Handwerk eine besondere Bedeutung geben. Von dort geht diese Bewegung aus, die sich in Deutschland im „Jugendstil“, im „Werkbund“ und schließlich im „Bauhaus“ dokumentiert. Der Name „Bauhaus“ erinnert an die mittelalterliche Bauhütte, kein Zufall, denn die dort ansässigen Werkstätten beschäftigen sich mit Gestaltung und nicht ausschließlich mit Kunst.
Und wie war der Weg in Kassel?

Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) begann Friedrich II., Landgraf von Hessen-Cassel, mit der Ansiedlung von Industrie und Manufaktur in Hessen und holte Künstler und Gelehrte nach Kassel. Am 18. Oktober 1777 löste er die „Académie de Peinture et de Sculpture de Cassel“ aus dem Collegium Carolinum heraus und eröffnete 1779 das Fridericianum als eines der ersten öffentlichen Museen auf dem europäischen Kontinent. Im selben Jahr bekam die Akademie ihre erste Satzung, in der die Rolle der Kunstförderung die der Lehre noch überwog.

Der Wechsel hin zur Kunstlehranstalt fand 1838 statt, nachdem die Verantwortung für die Akademie 1832 an die Regierung überging. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts trennte sich die akademische Lehre immer mehr von der Ausbildung in gewerblicher Kunst. Eine eigene Kunstgewerbeschule entstand. Wesentliche Aspekte waren hier die Ausbildung zum Kunsterzieher und die Einführung von ersten Werkstätten.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts führte die Akademie ebenfalls Werkstätten ein, um der zunehmenden Bedeutung des Handwerklichen in der Kunst gerecht zu werden. Der Versuch der preußischen Regierung, die Akademie und die Kunstgewerbeschule zusammenzulegen, scheiterte. Nach der Schließung der Akademie im Jahr 1931 wurde deren Gebäude 1943 durch britische Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Nach dem Krieg wurden sowohl die Kunstgewerbeschule (1946) unter dem Namen „Schule für Handwerk und Kunst“, später „Werkkunstschule“ als auch die Akademie (1947) unter dem Namen „Werkakademie“ wiedereröffnet. Diese wurde im Jahre 1960 zur „Staatlichen Hochschule für bildende Künste“.
In diesem kurzen historischen Abriss taucht der Name ‚Werkakademie’ nun ein erstes Mal im Zusammenhang mit der Stadt Kassel auf – das Werken und auch die Reflexion – Werk – Akademie.

 

Dr. Ellen Markgraf
Die Kunst ist ein Spiegel der Zeit, in der sie entsteht.Dr. Ellen Markgraf

(von oben nach unten: 1 ALEXANDRA KRUSE - Tischlerin | Abschluss 2010 - Tisch - 2 INGA MEDER-LACHMANN - Maskenbildnerin | Abschluss 2013 - Stulpenschal, Kleidung - 3 BENJAMIN BARK - Tischler | Abschlus 2014 - Feuerstelle - 4,6 KARL SCHÖBERL - Tischlermeister | Abschluss 1991 - Schalen - 5 ANTONIA KAPFER - Tischlerin | Abschluss 2012 - Urnen - 7 JENNIFER PAUL - Dipl. Designerin | Abschluss 1996 - Schale - 8 KERSTIN BITTNER - Tischlerin Abschluss 2000 - Porzellan | Fotos: M. Blumenstein)

  • Geschichte der Werkakademie - Alexandra Kruse - Abschlussarbeit 2010
  • Geschichte der Werkakademie - Inga Meder-Lachmann - Abschlussarbeit 2013
  • Geschichte der Werkakademie - Benjamin Bark - Projektsarbeit 2014
  • Geschichte der Werkakademie - Karl Schöberl - Abschluss 1991
  • Geschichte der Werkakademie - Antonia Kapfer - Abschluss 2012 - Urnen
  • Geschichte der Werkakademie - Antonia Kapfer - Abschluss 2012 - Urnen
  • Geschichte der Werkakademie - Jennifer Paul - Abschluss 1996 - Betonschale / Tisch
  • Geschichte der Werkakademie - Kerstin Bittner - Abschluss 2000 - Porzellan

Querschnitt durch die Ausstellung 25 Jahre Werkakademie in der Handwerksform 2015

  • Inga Meder-Lachmann | Maskenbildnerin - Gestalterin im Handwerk

INGA MEDER-LACHMANN
Maskenbildnerin | Abschluss WAH 2013

Stulpenschal/Kleidung

Durch das Studium habe ich gelernt, ein Werkstück sowohl zu planen, als auch weiter zu entwickeln und selbstbewusst zu präsentieren; im Prozess zu experimentieren, Ideen laufen zu lassen und vor allem geduldig zu sein.

  • Georg Ballier | Tischler/ Industriekletterer - Gestalter im Handwerk

GEORG BALLIER
Tischler/Industriekletterer | Abschluss WAH 2000

Sessel

Die Zeit an der Werkakademie hat meinen Horizont in Sachen Gestaltung geschult und geprägt. Von dem Kontakt mit neuen, anderen Gewerken profitiere ich bei meinen Tätigkeiten bis heute.

  • Katharina Kschischan | Zahntechnikerin - Gestalterin im Handwerk

KATHARINA KSCHISCHAN
Zahntechnikerin| Abschluss WAH 2009

Servierschrank/Schmuck

  • Iris Hoffmann-Leipold | Grafikdesignerin - Gestalterin im Handwerk

IRIS HOFMANN-LEIPOLD
Grafikdesignerin| Abschluss WAH 2011

Tisch

Das Studium an der Werkakademie war für mich allgemein sehr bereichernd. Als impulsgebend empfand ich auch den Austausch mit Dozenten und Mitstudierenden. Für meine berufliche Ausrichtung zur Selbstständigkeit waren die 2 Jahre an der WAH sehr fördernd.

  • Jochen Guinand | Tischler - Gestalter im Handwerk

JOCHEN GUINAND
Tischler | Abschluss WAH 1991

Plastik

Die Zeit an der Werkakademie ist für mich eine Zeit, in der sich der Fokus in der alltäglichen handwerklichen Arbeit in der Art verändert hat, dass Perspektiven über das Gewerk hinaus entstanden sind.

  • Matthias Schlitt | Steinmetz - Gestalter im Handwerk

MATTHIAS SCHLITT
Steinmetz | Abschluss WAH 1995

Spursteine

In der Gestaltung neue Wege zu gehen heißt für mich, in der direkten Auseinandersetzung mit dem Material zu experimentieren und Ideen zu entwickeln. Die Werkakademie vermittelte gestalterische Grundlagen und eine offene, forschende Arbeitshaltung.